Familie & Schwangerschaft

Viva la Vulva!

Die weiblichen Geschlechtsteile haben es nicht leicht. Über Jahrtausende wurden sie versteckt und mit Scham verbunden. Nun werden sie auf Gedeih und Verderb befreit und finden sich auf Cupcakes, Handtaschen und in Musikvideos wieder. Die Vulva – also der äußere, sichtbare Teil der weiblichen Geschlechtsorgane – wird zum neuen It-Piece.

Die Mode greift das Thema begeistert auf, plüschige und glitzernde Vulven verzierten bereits ganze Kollektionen. Das Ziel: Provokation, Tabubruch und eine Veränderung unserer Sehgewohnheiten.



Lediglich der rosafarbene und mit Pelz besetzte Fendi-Schal schoss offensichtlich über das Ziel hinaus: Er wurde aus dem Onlineshop entfernt, nachdem man sich im Netz ausgiebig über ihn amüsiert hatte. Schade eigentlich, womöglich fühlt man sich wie neugeboren, wenn man seinen Kopf hindurchsteckt?

Sogar ein Vagina-Museum ist in Arbeit, denn die Britin Florence Schechter stellte erstaunt fest, dass es zwar ein Penis-Museum in Island gibt, sie aber weltweit keinen einzigen Ort fand, der über die Geschichte, die Kultur und die Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane informiert. Jetzt sucht sie nach passenden Ausstellungsräumen für ihre Mission, um die Stigmatisierung des weiblichen Körpers zu beenden.

Der neue Umgang mit den weiblichen Geschlechtsteilen führt auch zu einer Auseinandersetzung mit der korrekten Wortwahl. Der Begriff Vagina ist inzwischen salonfähig geworden. Es spricht sich außerdem langsam herum, dass damit in der medizinischen Fachsprache nur der innere Muskelschlauch bezeichnet wird und nicht das sichtbare Geschlecht.

Jetzt stehen die Schamlippen unter Beobachtung. Aktuell fordern die Autorinnen Gunda Windmüller und Mithu Sanyal in einer Petition: Das Wort Schamlippen solle im Duden durch „Vulvalippen“ ersetzt werden. Keine Frau solle sich für ihre Geschlechtsteile schämen, argumentieren sie. Und da die Herkunft des Wortes Scham sogar dem Substantiv Schande zugrunde liegt, ist dieser Gedanke nachvollziehbar. Konsequenterweise müssten wir dann aber auch die Begriffe Schambein, Schamhaare und Schambereich für beide Geschlechter ändern.

Mehr Vagina-Malspaß!

Doch was bringt uns die neue Bewegung rund um Vulva und Vagina? Ein liebevoller, anerkennender Blick auf die weiblichen Geschlechtsteile ist das Ziel, doch davon sind viele Frauen bis heute weit entfernt. Denn sie haben so einen Umgang nie gelernt. Das macht auch die Comiczeichnerin Katja Klengel in ihrem Buch „Girlsplaining“ deutlich: „Die Angst vor der… äh… Dingsbums fängt schon im Kindesalter an.“

Kinder verzieren schon in der Grundschule die Wände mit Penis-Zeichnungen, doch eine anatomisch korrekte Vulva können selbst die meisten Erwachsenen nicht malen. Weibliche Puppen sind entweder geschlechtslos oder verfügen über maximal zwei Körperöffnungen. Erklärt man das seinem Kind etwa so?: „Ganz tolle Ärzte haben Darm und Harnröhre bereits im Körper deiner Puppe zusammengelegt, so dass sie nur noch ein Loch für Kacka und Pipi braucht!“ Wenig überzeugend – neuer Versuch: „Die Puppenindustrie lässt die Vagina weg, damit du nicht auf dumme Gedanken kommst!“

Jetzt wird es erst richtig spannend – welche Kindergedanken könnten das sein? Auf jeden Fall nicht ansatzweise so viele, wie Erwachsene sie haben. Wer im Internet nach anatomisch korrekten Babypuppen sucht, findet sich schneller auf Sexspielzeug-Seiten wieder, als er gucken kann.

Ein unverkrampfter Blick auf Vulva und Vagina fehlt bisher. Die Idee ist daher: Je lockerer und häufiger wir über unser „Untenrum“ sprechen und je mehr Bilder wir sehen, umso schöner finden wir Vulva und Vagina. Und umso entspannter wird auch unsere Sexualität.

Aber stimmt das auch? Führen ein Ausmalbuch mit Vagina-Mandalas und ein Vulva-Watching-Seminar zur inneren und äußeren Befreiung? Oder hat die Auseinandersetzung mit einem bis dahin relativ unentdeckten Körperteil nur zur Folge, dass es an der Frau etwas Neues zu optimieren gibt?

Von Männern lernen

Heute werden Schamhaare entfernt oder zu Landebahnen oder Pfeilen getrimmt. Auch Schönheitsoperationen an den weiblichen Genitalien liegen im Trend, denn wo Kahlschlag herrscht, kann sich keine Hautfalte mehr verstecken.

Besonders wichtig ist daher: Wir sollten an unseren Idealvorstellungen zweifeln und nicht an unserem Körper. Die Erschaffung eines neuen Schönheitsideals der perfekten Vulva braucht kein Mensch. Jede Vulva ist einzigartig – keine gleicht der anderen -, genauso wie jedes Ohr, jede Nase – und jeder Penis.

Statt an uns zu zweifeln oder gar herumschnippeln zu lassen, schneiden wir uns lieber eine Scheibe von den Männern ab und lernen wir von ihrem Stolz auf das „beste Stück“. Wir haben nämlich auch eins.

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