Gesundheit

Corona-Todeszahlen in Pflegeheimen explodieren: Hat die Politik zu spät reagiert?

Seniorenheime sind zum deutschen Pandemie-Sorgenkind geworden. Ein Versäumnis der Bundesregierung, finden Experten. Bereits im Frühjahr habe man auf die Dringlichkeit zum Schutz der älteren Bevölkerung hingewiesen.

Die Situation in den Pflegeeinrichtungen spitzt sich während der Pandemie weiter zu. Im Hotspot Berlin betrifft etwa jeder zweite nachgewiesene Corona-Todesfall Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Das sind seit Oktober 63 Prozent aller Corona-Toten in der Hauptstadt.

Zuletzt sorgte die Lage in einem Marburger Heim für bundesweites Aufsehen: Nach Angaben des Kreissprechers waren dort 39 von 41 Bewohnern positiv auf das Virus getestet – sowie 32 Beschäftigte. Die zuständige Kreisverwaltung in Lauterbach sprach von einem „eklatanten Ausbruchsgeschehen.“

„Wir lassen die Altenpflege mit dieser Krise im Stich“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Die Vorsitzende der hessischen SPD-Landtagsfraktion, Nancy Faeser, sagte, die Heime benötigten praktische Hilfe zur Bewältigung ihres Personalproblems. „Wenn es dazu erforderlich ist, Angehörige der Bundeswehr anzufordern, dann muss das jetzt geschehen. Wir erleben eine Krise von noch nie gesehenem Ausmaß.“ Dieser könne man nicht mit „hergebrachten bürokratischen Verfahren“ begegnen. Schrappe M. et al., eig. Darstellung, Daten aus Lagebericht RKI Grafiken wie diese unterstreichen aus Sicht von Schrappe die Dringlichkeit des geforderten Strategiewechsels: Menschen über 85 Jahren sind von Covid besonders häufig betroffen

Regierung verschärfte Mitte Dezember die Maßnahmen in Pflegeheimen

Bund und Länder beschlossen am 13. Dezember, Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen sowie mobile Pflegedienste mit medizinischen Schutzmasken und kostenlosen Antigen-Schnelltests auszustatten. Dazu sollten die Länder „eine verpflichtende Testung mehrmals pro Woche“ anordnen, heißt es. In Hotspots solle es für Besucher eine Pflicht zur Vorlage eines aktuellen negativen Coronatests geben.

Experten forderten im Frühjahr eine Schutzstrategie für Heime

Doch kommen diese Maßnahmen zu spät? Experten werfen der Politik Versäumnis vor. Schließlich hatten namhafte Virologen wie Hendrik Streeck schon im April darauf hingewiesen, besonders in Altenheimen sei die Investitionen in Schutzmaterial notwendig.

Auch Matthias Schrappe, ehemaliger Berater des Bundes in Gesundheitsfragen, forderte im Frühjahr in mehreren Thesenpapieren den „größtmöglichen Schutz der älteren Bevölkerung vor Ansteckung“. Andernfalls drohe man die Kontrolle über das Virus zu verlieren.

Gegenüber  FOCUS Online sagt der Infektiologe Matthias Schrappe am Donnerstag (18. Dezember): „Tatsächlich haben wir die Entwicklung komplett richtig vorhergesagt.“ Der jetzige Lockdown sei eine Konsequenz der einseitigen Politik der Bundesregierung, die nur auf die Beschränkung und Nachverfolgung von Kontakten setzt.

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Eine Meinung die Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung („KBV“), teilt. Er sagte im Oktober: „Ein Lockdown, egal wie hart, ist keine geeignete langfristige Strategie in der Pandemiebekämpfung.“

Gesundheitsminister Spahn: „Impfen ist der Weg raus aus dieser Pandemie“

Für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist „das Impfen der Weg raus aus dieser Pandemie“. Dies sagte er am Freitag (18. Dezember) im ZDF-„Morgenmagazin“. Voraussichtlich beginnen die Impfungen am 27. Dezember.

Angefangen werde bei jenen, für die der Impfschutz zusätzliche Gesundheit und Lebensjahre bringe, so Spahn. Das seien die über 80-Jährigen, die Pflegebedürftigen: „Die hohen Todeszahlen haben wir genau in dieser Altersgruppe. Durch die Impfungen dieser Gruppen könne man Krankenhauseinweisungen sowie schwerste und tödlichste Verläufe vermeiden.“ Surftipp: Alle Neuigkeiten zur Corona-Impfung finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online

Mediziner: Hochaltrige Covid-19-Kranke „verstopfen“ Intensivstationen nicht

Die meisten der Heimbewohner sterben jedoch nicht im Krankenhaus, sondern im Pflegeheim, betont Altersmediziner Markus Gosch in einem Interview mit der „Welt“. Er sagt: „Die meisten Heimbewohner werden gar nicht in die Klinik gebracht, wenn sie an Covid-19 erkranken.“

Der Mediziner nennt zwei Gründe dafür: Zum einen würden viele Heimbewohner von sich aus auf einen Krankenhausaufenthalt verzichten wollen. Wenn zudem absehbar sei, dass eine Therapie nicht mehr helfe, dann wolle ein Arzt dem Patienten unnötige Belastungen wie die Fahrt mit dem Krankenwagen ersparen. Gosch beschreibt dies als „eine Form von Triage, wie sie in der Medizin ständig gemacht wird.“

Altersmediziner: „Wäre wichtig, jetzt alle Pflegeheime mit einfacher Beatmungstechnik auszustatten“

Doch die Entscheidung gegen einen Klinikaufenthalt sei nicht automatisch auch eine Entscheidung gegen eine Therapie. Der Mediziner erklärt: „Könnten sie sich noch äußern, würden sie bestimmt darum bitten, dass man alles das für sie tut, was es ihnen leichter macht.“ Für eine unterstützende Behandlung brauche man nicht viel. Dass es den Pflegeeinrichtungen noch immer an geeignetem Equipment fehtl, dürfe nicht sein: „Schon gar nicht in dieser Lage mit vielen Tausend Kranken, Hundert Sterbenden am Tag.“

Gosch spricht sich dafür aus, Seniorenheime Covid19-gerecht auszustatten. Er sagt: „Es wäre wichtig, jetzt alle Pflegeheime mit einfacher Beatmungstechnik auszustatten, etwa mit Sauerstoffanreicherungsgeräten und sogenannten Nasensonden, den Schläuchen, die unter der Nase hängen.“

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"Gefühl zu ersticken": Es geht auch um die Würde der Ältesten

Der Mediziner, der in der Ärztlichen Leitung des Klinikums Nürnberg arbeitet, sieht Sauerstoff als beste Therapie bei Covid-19 an. Je früher man ihn einsetze, desto besser. Eine Sauerstoffversorgung bremse die Überreaktion im Körper, die Schäden ließen sich so minimieren.

Auch beim Sterbeprozess sei die zusätzliche Sauerstoffzufuhr unverzichtbar. „Andernfalls hat der Kranke das Gefühl zu ersticken, das ist eines der übelsten Gefühle“, erklärt Gosch. Dies müsse man dem Sterbenden unbedingt ersparen. Es gehe hier um die Würde der Betroffenen.

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