Gesundheit

Intensivbetten-Paradox: System steht vor dem Kollaps – doch das Problem ist nicht nur Corona

Während das Pflegepersonal in den Intensivstationen bis zur Erschöpfung schuftet, füllen sich die Intensivbetten weiter und weiter. Das bringt den Klinik-Managern Geld. Das deutsche Gesundheitssystem fördert seit vielen Jahren brutale Missstände in Krankenhäusern. FOCUS Online hat mit Experten über die Misere der deutschen Krankenhaus-Landschaft gesprochen. Die Politik war weniger gesprächig.

In Deutschland sind die Intensivbetten der Krankenhäuser nahezu vollständig belegt. Etwa in einem Fünftel der derzeit rund 26.000 betriebenen Intensivbetten liegen Corona-Patienten. Knapp 3800 Betten sind noch frei. Es wird eng, warnen Ärzte.

Doch in Deutschland gibt es ausreichend Krankenhausbetten – und Intensivbetten. Jens Spahns Bundesgesundheitsministerium hatte im vergangenen Jahr zudem Tausende an Intensivbetten gefördert und teuer bezahlt. 50.000 Euro lobte Spahn pro neu geschaffenes Intensivbett aus. Es gab letzten Sommer sogar so viele Intensivbetten, dass das Ministerium den Überblick verlor und 7300 geförderte Betten einfach nicht aufzufinden waren. Etwa 10.000 Betten stehen laut DIVI-Intensivregister nun in der Sieben-Tage-Notreserve.

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An Intensivbetten mangelt es in Deutschland also nicht. Alle OECD-Länder kommen mit wesentlich weniger Betten aus. Deutschland hat derzeit rund 44,2 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner. Andere Länder meistern die Krisen mit weitaus weniger Betten: Norwegen hat 8,0, Dänemark 6,7, Großbritannien 6,6 und die Niederlande 6,4 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner. Schweden hatte vor der Pandemie nur 5,8 Betten und verdoppelte in der Pandemie auf 11,0 pro 100.000 Einwohner. Damit hat Schweden im Verhältnis immer noch fast vier Mal weniger Intensivbetten als Deutschland, obwohl Schweden zudem mit seinem waghalsigen Krisenmanagement hohe Infektionszahlen riskiert. Warum kollabiert in diesen Ländern nicht das Gesundheitssystem?

Wie kann es sein, dass in Deutschland vier bis acht Mal mehr Intensivbetten zur Verfügung stehen als in anderen vergleichbar reichen Industriestaaten, und diese voll sind? Und Deutschlands Intensivbetten sind immer gefüllt – auch ohne Corona. Die Corona-Inzidenz in Deutschland liegt im europäischen Vergleich nur im mittleren Bereich. Deutschland ist also in Europa kein Ausreißer in der Pandemie sondern Mittelmaß. Ist Deutschland vielleicht kränker, bettlägeriger und intensivpflegebedürftiger als andere Länder?

Nein. Der Fehler liegt im deutschen Gesundheitssystem, das deshalb vor dem Kollaps steht, weil es selbst bettlägerig und seit vielen Jahre stark reformbedürftig ist.

„Natürlich werden in Deutschland zu viele Patienten auf Intensivstationen behandelt“

Die Träger der rund 2000 deutschen Krankenhäuser konkurrieren um jeden Patienten und müssen ihre Betten möglichst gut auslasten, um rentabel zu bleiben. Und es sind viel zu viele Träger, die da im Krankenhausbetrieb mitmischen: die privaten Klinik-Konzerne, Länder, Städte, Kreise, Kirchen, Rotes Kreuz und viele andere. So treibt der Konkurrenzkampf der vielen Häuser um zu wenig Patienten bisweilen absurde Blüten. Damit der Rubel rollt, müssen Deutschlands Klinik-Manager kreativ werden:

  • Nirgendwo auf der Welt werden laut OECD so viele Hüften generalüberholt wie in Deutschland: rund 400.000 Stück im Jahr, davon sind etwa die Hälfte Hüftprothesen. Und jedes Jahr müssen rund 35.000 Kunstgelenke wieder ausgewechselt werden, weil sie nicht so lange halten wie geplant.
  • Knie-, Schilddrüsen-, Eierstockoperationen, viel Röntgen und teure Kernspintomografien bringen auch noch Geld, geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor.
  • Die Patienten werden so lange ans Bett gefesselt, wie die jeweilige Fallpauschale es eben hergibt. Im europäischen Vergleich sind die deutschen Patienten besonders bettlägerig. Gerechnet auf einen Einwohner liegt die Zahl der Bettentage bei 1,75 Tagen, in Dänemark bei 0,6.

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Wo viel operiert wird, wird auch viel und intensiv gepflegt. Professor Reinhard Busse von der TU Berlin ist Gesundheitsökonom und Berater des Bundesgesundheitsministeriums. Er mahnt seit vielen Jahren an, dass Deutschland seine überflüssigen Krankenhaus- und Bettenkapazitäten abbauen muss: „Bei ‘normalen‘ Krankenhausbetten wissen wir: Wir haben in Deutschland zwei Drittel mehr Betten und 50 Prozent mehr stationäre Fälle als unsere Nachbarn pro 100.000 Einwohner. Bei den Intensivbetten haben wir fast dreimal so viele.“ Man könne sich selbst in etwa ausrechnen, dass man im Verhältnis auch ein Vielfaches mehr an Fällen in den Intensivstationen habe, so Busse. Genaue Zahlen gebe es hierzu nicht.

Busses Fazit: „Und ja, natürlich werden in Deutschland insgesamt auch zu viele Patienten auf Intensivstationen behandelt.“

Klinik-Manager müssen Umsatz machen, während das Pflegepersonal am Anschlag arbeitet

Wenn ein Krankenhaus Betten für Patienten bereitgestellt wird, dann müssen sich diese auch rechnen. Leere Betten bringen keinen Umsatz, weiß das Klinik-Management. Das Problem ist nur: Jedes Intensivbett muss auch betrieben und jeder Patient betreut werden.

Professor Michael Simon ist einer der schärfsten Kritiker des deutschen Gesundheitssystems und seiner Fallpauschalen. Er arbeitet mittlerweile im Schweizer Inselspital in Bern und lehrt als Experte für Pflegewissenschaft an der Universität Basel: „Wir haben in Deutschland überdurchschnittlich viele Intensivbetten, aber zu wenig ausgebildetes Pflegepersonal. Klinik-Manager fragen sich nun, wie man diese vielen Betten mit möglichst wenig Personal betreiben kann. In der Schweiz ist die Personalausstattung etwa doppelt so hoch wie in Deutschland, aber auch in der Schweiz arbeitet man am Anschlag. Die deutschen Kollegen sind daher wirklich nicht zu beneiden.“

Und mitten in der Krise Personal auszubilden, funktioniere nicht, meint Simon: „Die Zusatzausbildung in der Intensivpflege dauert zwei Jahre und zudem benötigt man auf einer Intensivstation viel Erfahrung.“ Die Lage ist dramatisch ernst. Viele deutschen Krankenhäuser betreiben ihre Intensivstationen und ihre anderen „normalen“ Stationen bereits im roten Bereich. Ausbaden müssen diesen politisch geförderten ruinösen Wettbewerb zwischen viel zu vielen Krankenhäusern das Pflegepersonal und die Ärzte. Professor Simon: „Das System ist am Anschlag und die Corona-Pandemie erhöht den Druck weiter – das Gesundheitssystem wird instabil. Denn normalerweise beträgt die Liegezeit in einem Intensivbett zwei bis vier Tage. Die Corona-Patienten bleiben jedoch viel länger.“

Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) schätzt, dass bundesweit 3500 bis 4000 Fachkräfte für die Intensivpflege fehlen. Die Belastung auf den Stationen ist enorm. Fast die Hälfte aller Ärzte und gut zwei Drittel des Pflegepersonals geben an, sich während der aktuellen dritten Welle überlastet zu fühlen. „Die Erschöpfung geht bei einigen so tief, dass sie unter posttraumatischen Erschöpfungszuständen leiden“, klagte Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerates, bereits im März.

Das deutsche Gesundheitssystem ist am Ende – doch die Politik hat anderes zu tun

Während in den meisten Intensivstationen Deutschlands das Personal rotiert, berichtet Albrecht Broemme ruhig von seinem leeren Corona-Sonderkrankenhaus, das seit Beginn der Pandemie im früheren Berliner Kongresszentrum untergebracht ist. Broemme war früher Präsident des Technischen Hilfswerks. Mit Krisen kennt er sich aus wie kein zweiter. Mit seiner Berliner Notfalleinrichtung könnte er den Berliner Kliniken zur Entlastung sofort 500 leichte bis mittelschwere Covid-Fälle abnehmen. Das Personal stehe auf Standby, sagt er. „Wir haben in Berlin noch keine so kritische Situation, dass man Alarm schlagen müsste“, so Broemme zu FOCUS Online: „Manche Krankenhäuser jammerten eben auch gerne.“ Wegen der Fallpauschalen würden die Kliniken ja auch lieber ihre Betten füllen als Patienten abzugeben, so Broemme.


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