Gesundheit

„Klatschen ändert nichts an der finanziellen Basis“

Hessens Kammerpräsidentin Ursula Funke wies den Bundesgesundheitsminister bereits beim Deutschen Apothekertag auf die derzeitige Situation in den Apotheken und deren finanzielle Lage hin. Da sie aus Karl Lauterbachs Antwort den Eindruck gewann, dass ihm das Problem vielleicht nicht in aller Breite bewusst ist, hat Funke nun nachgelegt. Mit einem Brief an den Minister.

Beim Deutschen Apothekertag vergangene Woche in München gab sich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) nur digital die Ehre. Ihm kam die Kabinettssitzung zum Krankenhauspflege-Entlastungsgesetz dazwischen. Und so konnte er seine Ankündigung, vor Ort dabei zu sein, nicht wahr machen. Der Minister hatte viele warme Worte für den Berufsstand im Gepäck, verteidigte aber gleichzeitig sein Vorhaben, mit dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz – befristet auf zwei Jahre – den Kassenabschlag von derzeit 1,77 Euro auf 2 Euro pro Rx-Packung zu erhöhen.

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Hessens Kammerpräsidentin Ursula Funkte nutzte die anschließende Diskussion und wies den Minister darauf hin, wie die Apotheken finanziell dastehen. Mit einem Brief an den Minister, der der Redaktion vorliegt, legt sie das Problem der Apotheker jetzt nochmals dar. Denn ihrem Eindruck nach ist es dem Minister vielleicht nicht in aller Breite bewusst.

So kann man in Funkes Augen die lobenden Worte über die Tätigkeiten der Apothekerschaft und ihre Aussichten auf weiter pharmazeutische Dienstleistungen als „Honigschmieren ums Maul“ auffassen, auch wenn sie auf den ersten Blick positiv und zukunftsorientiert scheinen. Sie verweist darauf, dass Apotheken immer bereit seien, neue Aufgaben zu übernehmen, die der guten und sicheren Versorgung der Menschen dienen. Das funktioniere aber nur mit einer soliden wirtschaftlichen Grundlage –„die leider nicht gegeben ist“, wie Funke schreibt.

Apotheken mussten Kosten für Schutzmaßnahmen selber stemmem

Klatschen oder anerkennende Äußerungen änderten hieran leider nichts, heißt es weiter. Die Kammerpräsidentin erinnert daran, wie Apotheken in der Pandemie geräuschlos und zuverlässig zusätzliche Aufgaben übernommen hätten – zusätzlich zur Arzneimittelversorgung. Apothekenteams hätten mit Überstunden Unglaubliches geleistet. Das gehe aber auf diesem Niveau nicht weiter. Zudem hätten die Apotheken zu Beginn der Pandemie in Maßnahmen zum Patienten- und Mitarbeiterschutz investiert und täten dies immer noch. Im Gegensatz zu anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen hätten die Apothekenleiter die Kosten dafür selbst getragen.

Löhne müssten viel stärker steigen

Weiter geht Funke auf die Entwicklung des Apothekenhonorars ein. Die einzige Steigerung seit 2004 – einmalig im Jahr 2013 um 0,25 Euro pro Packung – entspreche einem Plus von 3,1 Prozent in neun Jahren. Und das habe damals schon unter der allgemeinen Preissteigerung gelegen. Die Apothekerin verweist in diesem Kontext auch auf die massiv gestiegenen Betriebskosten, die die Apotheken ungemein belasteten. Die Apotheken könnten diese Kosten aber nicht wie andere an die Patient:innen weiterreichen. 

Zudem thematisiert sie die gestiegenen Löhne. Diese hält Funke für notwendig und richtig, um als Arbeitgeber überhaupt noch eine gewisse Attraktivität zu haben. „Sie müssten allerdings noch viel stärker steigen, um die Apotheken wettbewerbsfähig gegenüber anderen Tätigkeitsfeldern, wie der Pharmaindustrie sind, damit sich überhaupt junge Leute für die Apotheke interessieren.“ Der Nachwuchsmangel stelle die Apothekerschaft vor riesige Herausforderungen, die man gemeinsam lösen müsse, damit die flächendeckende Versorgung und die Übernahme weiterer Aufgaben in Zukunft überhaupt gesichert werden könnte. Wenn die Apothekenschließungen, deren Zahl in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sei und die auch wirtschaftlich gesunde Betriebe beträfen, nicht gestoppt werden könnten, würden die Wege für die Menschen größer und die Versorgung schlechter. „Die Sorgen und Ängste meiner Kolleginnen sind existenziell“, so Funke.

Pandemie-Sondererlöse sind aufgebraucht, bei den Apotheken ist nichts zu holen

Hessen Kammerpräsidentin spricht in ihren Brief auch die Sondererlöse durch die Pandemie an. Die seien durch die erheblichen Zusatzkosten aufgebraucht. Gleichzeitig explodierten die Kosten in den Apotheken. In dieser Situation, in der es eigentlich deutlich mehr Geld im System brauche, halte der Minister es für gerechtfertigt, die Apotheken weiter zu belasten, heißt es weiter. Dass Lauterbach beim Apothekertag verkündete, bei allen Leistungserbringern Effizienzreserven heben zu müssen, eine Stunde später aber die Honorarerhöhung der Ärzte im kommenden Jahr veröffentlicht wurde, ist in Funkes Augen eine schallende Ohrfeige für alle in der Apotheke tätigen Menschen – auch wenn man den Ärzten ihr Honorar natürlich gönne.

Apotheken arbeiteten seit Jahren effizient und erledigten ihre Aufgaben, aber bei ihnen sei nichts zu holen, schreibt Funke weiter. Sie verweist auf den mit 1,9 Prozent geringen Anteil der Apotheken an den Gesamtausgaben der GKV auch im Vergleich zu den Verwaltungsausgaben der Kassen, die bei 4,5 Prozent liegen.

120 Millionen sind ein Tropfen auf den heißen Stein

Für Funke sind Einsparungen bei den Apotheken der falsche Ansatzpunkt. „Wenn Sie sich zu unserer hervorragenden flächendeckenden Arzneimittelversorgung durch wohnortnahe Apotheken bekennen, dann müssen Sie auch für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sorgen und ihr Gesetzesvorhaben korrigieren“, appelliert sie an den Minister.

Zuletzt erklärt Funke noch, dass die bei den Apotheken geplanten Einsparungen von 120 Millionen angesichts eines Defizits von 17 Milliarden Euro ein Tropfen auf den heißen Stein seien. Sie richteten aber riesigen Schaden bei denen an, auf die sich die Politik immer verlassen könne. Dass Lauterbach damit teilweise ein bewährtes System zerstöre, könne er doch nicht wollen. Daher fordert Funke den Minister eindringlich auf, diesen Fehler ganz schnell zu korrigieren.

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