Gesundheit

Knapp 2000 in Schottland, Hunderte in Finnland: Sorge vor Corona-Ausbreitung durch EM-Spiele wächst

"Die Uefa ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich." Mit diesem dramatischen Satz kritisierte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die aktuelle Fußball-EM und den Veranstalter, die Europäische Fußball-Union. Konkret ging es um die Diskussion um die Zulassung von Zuschauern bei der Fußball-Europameisterschaft. "Das Spiel hat gestern nochmal gezeigt wie eng die Fans stehen, wie oft sie sich umarmen und anschreien. Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende", schrieb Lauterbach am Mittwoch bei Twitter. Bei der 0:2-Achtelfinal-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen England waren am Dienstagabend 41.973 Zuschauer im Londoner Wembley-Stadion gewesen. Für die Halbfinals und das Endspiel sollen sogar 60.000 Zuschauer zugelassen werden.

Auch Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz mahnte zur Vorsicht. "Bei aller Freude über die spektakulären Spiele dieser EM halte ich es für bedenklich, wie viele Zuschauer inzwischen in einige Stadien gelassen werden", sagte Scholz der "Süddeutschen Zeitung". "Mühsam und unter großen Anstrengungen haben wir die Pandemie in Europa in den Griff bekommen, das sollten wir jetzt nicht aufs Spiel setzen", so Scholz.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat den Fußballverband ebenfalls scharf kritisiert. "Ich halte diese Position der Uefa für absolut verantwortungslos", sagte der 71-Jährige bei der Bundespressekonferenz in Berlin am Donnerstag. "Wir alle wissen, dass die Kontaktvermeidung und bestimmte Hygienevorschriften unabdingbar sind, um die Infektionen eines Tages zu überwinden." Wenn man aber die Bilder sehe von "Menschen, die sehr dicht aufeinander sind" und "Erfolge feiern mit großen Umarmungen", sei "vorgezeichnet, dass dies das Infektionsgeschehen befördert".

Knapp 2000 Infektionen in Schottland nach EM-Spiel

Die Zahlen scheinen den Politikern recht zu geben: In Schottland etwa lassen sich nach offiziellen Angaben knapp 2000 Corona-Fälle in Verbindung mit Spielen der EM bringen. Zwei Drittel von 1991 positiv Getesteten seien Fans, die entgegen der Ratschläge aus dem Norden zu Spielen nach London gereist seien, wie die Gesundheitsbehörde Public Health Scotland am Mittwoch mitteilte. Am 18. Juni hatten die Schotten in London gegen England gespielt. Knapp 400 Infizierte aus Schottland sollen im Stadion gewesen sein, während in der Innenstadt Tausende weitere Fans Straßen und Plätze bevölkerten.

Die Infektionszahlen beziehen sich auf positiv Getestete, die während ihrer ansteckenden Phase EM-Spiele oder Fan-Events besucht haben – und zwar zwischen dem 11. und dem 28. Juni. Drei Viertel der Infizierten waren der Behörde zufolge zwischen 20 und 39 Jahre alt, neun von zehn waren Männer.

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Viertelfinale in Corona-Hotspot St. Petersburg

Vielen schauen nun besorgt nach St. Petersburg. Vor dem ersten Viertelfinalspiel zwischen der Schweiz und Spanien an diesem Freitag spitzt sich die Lage in der russischen Hafenstadt, die als Corona-Hotspot gilt, zunehmend zu. Vonseiten der Uefa seien aber keinerlei Änderungen oder gar eine Verlegung des Spiels geplant, erklärt die Europäische Fußball-Union auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. "Die finale Entscheidung bezüglich der Zuschauerzahl liegt immer bei den jeweiligen lokalen Behörden." Seit Beginn der Fußball-Europameisterschaft starben in St. Petersburg, wo bislang schon sechs Spiele ausgerichtet wurden, offiziellen Angaben zufolge mehr als 1300 Menschen an Corona. Alleine am Dienstag waren es 119 – so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie.

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Ein verschärftes Hygienekonzept für das Spiel am Freitag im Stadion sei nicht nötig, sagen die russischen Veranstalter laut Staatsagentur Tass. Es bleibe dabei: 50 Prozent der mehr als 60.000 Plätze in der Gazprom-Arena dürfen beim Spiel von Spanien gegen die Schweiz besetzt werden. Russlands Staatschef Wladimir Putin hat die Ausrichtung von EM-Spielen in St. Petersburg verteidigt. "Wir sind zunächst einmal gezwungen gewesen, unseren Verpflichtungen nachzukommen", sagte er am Mittwoch bei einer live im Staatsfernsehen übertragenen Fragerunde in Moskau. 

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Infektionen auch in Skandinavien

Doch schon vorher sorgte ein Spiel in der EM-Stätte für eine Zunahme von Corona-Infektionen: Finnische Behörden hatten am Freitag mitgeteilt, dass bereits fast 300 Zuschauer des Spiels Finnland gegen Belgien, das am 21. Juni in St. Petersburg stattgefunden hatte, positiv auf Corona getestet worden seien. Ein Anstieg der Corona-Zahlen in dem skandinavischen Land wird einerseits auf die Delta-Variante und andererseits auf die Fußball-Fans zurückgeführt, die aus St. Petersburg zurückreisten. Aus Schweden kommen ähnliche Klagen.

Auch Dänemark verzeichnet einen Anstieg von Infektionen mit der Delta-Variante. Nach weiteren Corona-Infektionsfällen während der Fußball-Europameisterschaft haben die dänischen Gesundheitsbehörden am Freitag ihren Aufruf an Tausende Zuschauer erneuert, sich testen zu lassen. Insgesamt seien bei mindestens neun Fans nach dem Spiel Dänemark gegen Belgien im Stadion von Kopenhagen Ansteckungen mit der besonders ansteckenden Delta-Variante festgestellt worden, teilte die Behörde für Patientenschutz mit.

Hinzu kämen vier Fans, die sich beim Spiel Dänemark gegen Russland angesteckt hätten. Deshalb sollten alle Zuschauer, die sich während des Spiels auf der Tribüne B des Stadions befunden hätten, ebenfalls einen PCR-Test machen. 

Wie viele Infizierte nach Spiel Deutschland – England?

Unterdessen rät die britische Regierung Fußball-Fans von einer Reise nach Rom für das EM-Viertelfinalspiel zwischen England und der Ukraine am Samstag ab. Allerdings nicht wegen der Gefahr der Infektionsausbreitung: Die italienischen Gesundheitsvorkehrungen schrieben eine fünftägige Quarantäne für Reisende aus Großbritannien vor. Britische Fans würden daher das Spiel verpassen. Ein Aufenthalt in Italien würde laut der britischen Regierung zudem eine zehntägige Quarantäne nach der Rückkehr der Fans bedeuten. Selbst Fans mit Tickets können diese demnach aufgrund der geltenden Corona-Bestimmungen nicht mehr nutzen.

Das Achtelfinale Deutschland gegen England am Dienstag fand mit fast 45.000 Zuschauern vor dem bisher größten Publikum in London statt. Abstand und Masken waren im Wembley-Stadion eher eine Seltenheit. Wie viele Fans und Beobachter sich dort angesteckt haben, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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