Gesundheit

Lancet distanziert sich von Studie: Das ist die Geschichte des Trump-Mittels

Der Einsatz von Malariamitteln bei Covid-19 ist umstritten. Nach einer „Lancet“-Studie zu schweren Nebenwirkungen setzte die WHO sogar klinische Tests aus. Doch die Studie erntete Kritik, das Fachblatt selbst distanzierte sich jetzt von der Publikation. Was hinter dem Medikamenten-Chaos steckt.

Trump bezeichnete sie als „einen der größten Durchbrüche der Geschichte der Medizin“, als „Geschenk Gottes “. Die Corona-Therapie mit den Malaria-Mitteln Chloroquin und Hydroxychloroquin machte in den vergangenen Wochen bereits des Öfteren Schlagzeilen. Erklärte der US-Präsident doch, diese prophylaktisch einzunehmen, um sich selbst vor einer schweren Covid-19-Erkrankung zu schützen.

Dass der Arzneistoff-Mix schwere Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel oder Stimmungsschwankungen auslösen kann, lies er dabei außer Acht.

Die Mittel werden seit Jahrzehnten zur Behandlung von Malaria sowie von Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Mitte Februar berichteten chinesische Forscher erstmals über positive Effekte bei Covid-19-Patienten. Länder weltweit begannen, Covid-19-Patienten mit Cholorquin und Hydroxychloroquin zu behandeln. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) startete klinische Studien. Insbesondere schwerkranken Patienten mit Vorerkrankungen wurden die Mittel verabreicht.

In ersten Studien versagten sie jedoch kläglich, konnten weder einzeln noch in Kombi-Therapie mit dem Antibiotikum Azithromycin Erfolge erzielen. Die Hoffnung, Hydroxychloroquin verringere die Wahrscheinlichkeit, an ein Beatmungsgerät angeschlossen zu werden, erfüllte sich nicht.

„Lancet“-Studie warnte vor gefährlichen Nebenwirkungen des Malaria-Medikaments

Doch damit nicht genug. In den folgenden Wochen wurde die Kritik an den Mitteln immer schärfer. Am 22. Mai veröffentlichten Schweizer Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Lancet“ eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass Hydroxychloroquin sowie der verwandte Wirkstoff Chloroquin nicht nur keinen Nutzen bei Covid-19-Patienten hätten, sondern möglicherweise wegen schwerer Nebenwirkungen sogar das Sterberisiko erhöhten.

Die Veröffentlichung zog erhebliche Folgen mit sich: Mehrere Länder, unter anderem Frankreich, hatten daraufhin die Behandlung von Covid-19-Patienten mit den Malaria-Mitteln untersagt. Das deutsche Bundesgesundheitsministerium gab gespendete Chloroquin-Tabletten an die Pharmabranche zurück.

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Nicht alle Länder setzen Behandlung mit Hydroxychloroquin aus

Doch nicht alle Länder stützten sich in ihrem Vorgehen auf die „Lancet“-Studie. Ende Mai erklärte etwa die oberste biomedizinische Forschungseinrichtung Indiens, Studien hätten ergeben, dass Hydroxychloroquin „keine größeren Nebenwirkungen“ habe. Damit wurde der Einsatz von Malaria-Mitteln offiziell im Kampf gegen die Pandemie empfohlen.

Auch der brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro rühmte Hydroxychloroquin weiterhin. Das Gesundheitsministerium in Brasília empfahl das Mittel für die Behandlung von Covid-19-Patienten, die Empfehlung galt auch nach den WHO-Warnungen. „Wir bleiben ruhig, und es gibt keine Änderung“, sagte Ministeriumsvertreterin Mayra Pinheiro.

Um „Brasiliens Pflegepersonal, Ärzten und Gesundheitsexperten prophylaktisch gegen das Virus zu helfen“, hatten die USA vergangene Woche zwei Millionen Dosen des Malaria-Mittels nach Brasilien geliefert. Das teilte das Weiße Haus am Sonntag mit. Präsident Trump erklärte, die Einnahme der Mittel mittlerweile ausgesetzt zu haben.

 

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  • Kritik an Studie: Mediziner verfassen offenen Brief

    Eine Woche später äußerten sich daraufhin Dutzende Forscher aus aller Welt in einem offenen Brief, sie sahen die Studie skeptisch. Ihre eingehenden Prüfungen hätten „sowohl Besorgnis angesichts der Methodik als auch der Erhebung der Daten ausgelöst“, erklärten sie.

    In ihrem Brief wird eine lange Liste von aus Sicht der Unterzeichner problematischen Punkten angeführt. Sie kritisierte, die Studienautoren hätten sich nicht an Standardpraktiken maschinellen Lernens gehalten, es habe keine Ethikprüfung gegeben. Nicht einmal die Länder oder Krankenhäuser hatten die Autoren erwähnt, deren Daten sie für ihre Untersuchung herangezogen hatten.

    Die Forscher der Harvard Medical School in Boston und des Universitätsspitals Zürich hatten lediglich angegeben, die Daten von 96.000 Patienten in hunderten Krankenhäusern weltweit ausgewertet zu haben. Ihre Daten hatten sie von dem US-Unternehmen Surgisphere erhalten, das nach eigenen Angaben auf die Analyse von Gesundheitsdaten spezialisiert ist – der Zugang zu den Rohdaten fehlte jedoch.

    Fachzeitschrift distanziert sich von Veröffentlichung

    Nun distanzierte sich auch die Fachzeitschrift selbst von der Veröffentlichung. Die Herausgeber von „Lancet“ veröffentlichten am Dienstagabend einen offiziellen Warnhinweis. Dieser wies die Leser darauf hin, dass „schwerwiegende wissenschaftliche Fragen“ bezüglich der Studie an sie herangetragen worden seien.

    Damit hat die renommierte Fachzeitschrift die Studie zwar noch nicht zurückgezogen – Experten zufolge sei das jedoch nur noch eine Frage der Zeit. So erklärte etwa der französische Pharmakologe Gilnert Deray auf Twitter, er sehe die Studie bereits „auf dem Weg, zurückgezogen zu werden“.

    Pharmakologe zu mittelmäßigen Studien: „Eine Katastrophe“

    „Lancet“-Vertreter wiesen in dem Warnhinweis darauf hin, dass sie die Autoren der Studie, die nicht mit Surgisphere verbunden seien, mit einer Prüfung der Daten beauftragt haben. Das Ergebnis dürfte „bald“ feststehen. „Sobald wir weitere Informationen haben, werden wir den Hinweis aktualisieren“, schrieb die Zeitschrift weiter.

    Das wäre Deray zufolge „eine Katastrophe“, denn trotz der aktuellen Situation müssten wissenschaftliche Publikationen vor der Veröffentlichung ausreichend geprüft werden. „Die Dringlichkeit der Pandemie rechtfertigt keine mittelmäßigen Studien“, sagt Deray. Er warnte davor, wissenschaftliche Studien mit dem Medieninteresse zu verknüpfen.

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    In einem weiteren Post betonte er: „Die jüngsten Lancet-Retraktionen sollten uns nicht vergessen lassen, dass wir immer noch keine Beweise für die Wirksamkeit der Behandlung mit Chloroquin / Azithromycin haben.“

    Vergleich mit Placebos: Wirkung „statistisch nicht signifikant“

    Dass die Datenlage zur Wirkung von Hydroxychloroquin und Chloroquin nicht eindeutig ist, zeigt eine weitere Studie, die am Mittwoch im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ erschien. Forscher der University of Minnesota ermittelten anhand der Daten von rund 800 Personen, dass die Malariamittel in den meisten Fällen nicht besser wirkten als Placebos.

    Die Wissenschaftler hatten ein Experiment durchgeführt, bei dem sie die Teilnehmer ohne Mundschutz dem Erreger aussetzten. Im Anschluss erhielt ein Teil der Personen Hydroxychloroquin, die Vergleichsgruppe Placebo-Mittel.

    Das Ergebnis: Rund 12 Prozent der Hydroxychloroquin-Gruppe erkrankten, in der Placebo-Gruppe etwa 14 Prozent. Dieser geringe Unterschied ist den Forschern zufolge „statistisch nicht signifikant“. Es werden also weitere Untersuchungen nötig sein, um eine tatsächliche Wirkung des Mittels zu beweisen.

    Drosten: „Sinnvoll, jetzt laufende Studien zu Ende zu bringen“

    Das betonte auch Christian Drosten im NDR-Podcast am Dienstag. Dass die Weltgesundheitsorganisation klinische Tests aussetzte, hält er für falsch. „Natürlich müssen die klinischen Studien schon abgeschlossen werden, denn sonst war das alles Energieverschwendung“, erklärt der Virologe. „Sonst entgeht einem vielleicht doch ein kleines bisschen an Effekt. Wer weiß.“

    Über die tatsächliche Wirkung des Mittels könne man bislang noch nichts sagen, tatsächlich habe man aber die Kenntnis, dass Chloroquin an sich auch gewisse antiinflammatorische, also entzündungshemmende, Eigenschaften habe. Die massive Kritik der internationalen Wissenschaftler könne man als einen „Ruf nach Vollständigkeit“ verstehen.

    „Es ist auch nicht so, dass das Chloroquin einen Patienten gleich total in Gefahr bringt“, erklärte Drosten. „Es ist schon sinnvoll, jetzt laufende Studien noch mal konsequent zu Ende zu bringen, aber wirklich unter genauer Rücksicht auf die dazukommenden Daten.“

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