Persönliche Gesundheit

Tausende leiden unter Kalkschulter, ohne es zu wissen – bis massive Schmerzen einsetzen

Die heftigen Schulterschmerzen kommen oft ganz plötzlich: Eine Kalkschulter betrifft mehr Menschen, als davon wissen. Bemerkbar machen sich die verkalkten Sehnen allerdings erst im fortgeschrittenen Stadium. Welche Therapie dann sinnvoll ist, fragte FOCUS Online Mediziner Robert Drechsel.

Schulterschmerzen sind oft grausam. Häufig kommen sie durch Verkalkungen in und an den Sehnen des Schultergelenks. Dieses Gelenk bildet nämlich eine Ausnahme im Vergleich zu den anderen Gelenken der menschlichen Organismus: Es ist das beweglichste, denn der Gelenkkopf des Oberarmknochens ist nicht in der Gelenkpfanne befestigt, sondern bekommt nur durch einen festen Muskelring, die Rotatorenmanschette, flexiblen Halt.

Auf diese Weise sind Bewegungen in fast alle Richtungen möglich. Veränderungen in diesem Sehnenverbund, wie etwa Verkalkungen, können zur sogenannten Kalkschulter führen, medizinisch Tendinosis calcarea. Die Erkrankung entwickelt sich in verschiedenen Phasen, anfangs in der Regel unbemerkt von den Betroffenen.

Neue Therapien gegen verkalkte Sehnen in der Schulter

Erst, wenn ein bestimmtes Stadium eingetreten ist, stellen sich akute Probleme ein – vor allem höllische Schmerzen. Soforthilfe durch den Arzt ist dann unerlässlich, danach: weitere Behandlung. FOCUS Online hat über Symptome und Therapie mit Robert Drechsel, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am ONZ in Weiden, gesprochen.

FOCUS Online: Wie bemerke ich, dass meine Schulterschmerzen bedingt sind durch eine akute Kalkschulter?

Robert Drechsel: Die akuten Schmerzen können so massiv sein, dass die Betroffenen wirklich unter Tränen in die Praxis kommen. Allerdings kann Schulterschmerz die verschiedensten Ursachen haben, nur eine davon ist die Verkalkung mit einer akuten Entzündungsreaktion der Sehne. Betroffen ist hier meistens die Supraspinatussehne, also eine der Sehnen der Rotatorenmanschette. ONZ Robert Drechsel ist Orthopäde und Unfallchirurg

Das häufigste Symptom der schmerzhaften Schulter ist die Impingementsymptomatik. Eine Zusammenfassung von mehreren möglichen Ursachen für Schulterschmerz – zum Beispiel Probleme in Knochen, Muskeln oder der Sehne, wenn sie mit einer Verengung des Raumes unter dem Schulterdach und einer Bedrängung von Sehnen einhergehen.

Die Ursache der Kalkschulter ist also verkalktes Sehnengewebe. Ist das abgesehen von der Schulter nicht auch in anderen Gelenken möglich?

Drechsel: Ja, etwa an der Hüfte, am Knie oder am Ellenbogen – am häufigsten jedoch an der Schulter.

Wie entstehen diese Verkalkungen an den Sehnen?

Drechsel: Risikofaktoren sind falsche Belastung der Schulter, sogenannte Mikrotraumata, aber auch häufiges Über-Kopf-Arbeiten. Auch Diabetes mellitus ist ein Risikofaktor. Fehlhaltungen beim Arbeiten etwa am Computer, aber auch Bewegungsmangel und nicht zuletzt auch frühere Sehnenverletzungen können Schulterschmerz auslösen.

Warum sich die Verkalkungen dann entwickeln, weiß man noch nicht genau. Auslöser, so wird vermutet, könnte Sauerstoffmangel sein. Bekannt ist jedenfalls, dass folgende Stadien durchlaufen werden: das Präkalzifikations-, das Verkalkungs- und das Postkalzifikationsstadium.

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Es gibt also die Kalkschulter auch ohne Symptome?

Drechsel: Der Kalk als solches ist nicht entscheidend. Es kommt vor allem auf die Größe der Kalkdepots an. Kleinere schränken die Schulterbeweglichkeit kaum ein, es liegt keine Entzündung vor und die Betroffenen merken nichts von ihrer Kalkschulter. Vergleichbar ist das mit dem Fersensporn. Viele haben diesen knöchernen Auswuchs, haben aber nie Beschwerden.

Wie kommt es bei den anderen zu den heftigen Schmerzen?

Drechsel: Bauen sich die Kalkeinlagerungen um, kann das Kalkdepot platzen, es entleert sich. Die austretenden Kalkkristalle reizen den Schleimbeutel und er kann sich entzünden. Also erst dann, wenn der Kalk durchbricht und eine Entzündung entsteht, kommt es bei den meisten zu den ganz plötzlich und heftig einsetzenden Beschwerden wie Schmerzen, oft verbunden mit massiver Einschränkung der Beweglichkeit der Schulter. Nachdem das Kalkdepot geplatzt ist, beginnt der Körper den Kalk zu resorbieren.

Die Kalkschulter kann also von alleine wieder ausheilen?

Drechsel: Ja, es setzt eine Abbauphase ein. Das ist auch der Grund dafür, dass die Kalkschulter meistens konservativ behandelt werden kann.

Bleiben wir beim Akutfall – was tun Sie, wenn ein Betroffener mit extremen Schulterschmerzen in die Praxis kommt?

Drechsel: Ich untersuche den Patienten manuell, es gibt verschiedene Schultertests. Anschließend kann man per Ultraschall die Kalkschulter meist relativ gut darstellen. Ergänzend zu dieser Diagnose kann ein Röntgenbild das Ausmaß des Kalkherds bestimmen, und so Grad und Stadium feststellen.

Mit welcher Therapie starten Sie?

Drechsel: Das hängt vor allem von der Schmerzintensität ab. Bei massiven Schmerzen behandeln wir sofort mit Injektionen – etwa unters Schulterdach mit Kortison und einem Lokalanästhetikum. In der Regel geht es dem Patienten dann sofort besser.

Ansonsten empfehlen wir in der Schmerzphase gängige Medikamente wie NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika) wie zum Beispiel Ibuprofen oder Diclofenac, falls keine Kontraindikationen vorliegen. Alternativ kann auch eine Stoßtherapie mit oralen Steroiden überlegt werden.

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Manche Patienten lehnen Kortison-Injektionen eher ab. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Drechsel: Kortison ist tatsächlich bei der Behandlung von Sehnenerkrankungen etwas umstritten. Man weiß, dass man direkt in die Sehne kein Kortison injizieren sollte, weil das über eine Sehnennekrose zu Rissen in der Sehne führen kann. Um die Sehnen herum kann man mit relativ wenig Risiko Kortison spritzen, doch wenn das zu nahe unter der Haut geschieht, kann sich das Unterhautfettgewebe abbauen und es bilden sich unschöne Dellen. Deshalb wird die Indikation zur Kortisoninfiltation immer individuell für den einzelnen Patienten und dessen Krankheitsbild gestellt.

Modernere Substanzen, wie etwa eine speziell für die Injektion um Sehnen herum entwickelte Hyaluronsäure eignen sich beispielsweise für die Behandlung der Tendinopathie.

Eigenbluttherapie gegen Schulterschmerzen und Entzündung

Eine andere Methode, die sich jetzt zunehmend durchsetzt und in Studien geprüft wird, ist die Plasmatherapie ACP (Autologes Conditioniertes Plasma) mit Eigenblut des Patienten. Dafür wird dem Patienten Blut entnommen und in einer Zentrifuge aufbereitet. Das so gewonnene Blutplasma und die Blutplättchen werden dem Patienten zurück injiziert, und lokal um die Sehne gespritzt. Die Behandlung soll Schmerzen und Entzündung mildern, das Abheilen und die Regenration fördern. Unsere Erfahrungen sind sehr gut damit.

Bewegung als Therapie, wie bei anderen orthopädischen Problemen, ist bei akuter Kalkschulter vermutlich erst mal kein guter Rat?

Drechsel: Belastung reduzieren und, wenn nötig, ruhig stellen, ist während der akuten Phase wichtig, etwa mit einer speziellen Armschlinge. Bewegungsübungen sind also vorerst, während der Entzündungsphase, keine Option.

Wie lässt sich die Resorption, also die Selbstheilung des Körpers, noch unterstützen? Was halten Sie etwa von der Extrakorporalen Stoßwellentherapie, kurz ESWT?

Drechsel: Diese Behandlung ist zunehmend anerkannt. Studien zeigen, dass sie sowohl die Resorption von Kalk als auch Sehnenveränderungen positiv beeinflussen könnte. Vor allem die neuen, hochenergetischen und fokussierten Stoßwellen bewähren sich bei der Behandlung der Kalkschulter. Hierbei kann vom Behandler für den jeweiligen Patienten individuell angepasst sowohl die Eindringtiefe, in welcher die Stoßwelle ihre Hauptwirkung entfaltet, als auch die notwendige Energiedosis verwendet werden. Das ist wichtig, weil ja jeder Patient zum Beispiel einen unterschiedlich ausgeprägten „Weichteilmantel“ besitzt.

Die Wirkung beruht auf dem direkten Reiz im Gewebe und zusätzlich der indirekten Stimulation, die die „Selbstheilungsprozesse“ biochemisch anregt. Dabei geht es vor allem darum, die Sehne zu regenerieren.

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Kalkschulter: So wirkt die fokussierte Stoßwellentherapie

Folgendes passiert bei der ESWT: Die fokussierten Stoßwellen wirken auf verschiedenen Ebenen, die Zellmembran wird durchlässiger, die Mitochondrien aktiviert und insgesamt entsteht ein bakterizider und entzündungshemmender Effekt, die Regeneration wird dabei vorangetrieben.

Welche natürlichen Hilfen empfehlen Sie bei einer Kalkschulter?

Drechsel: Das kann Kältetherapie sein, oder etwa Quarkauflagen, sie haben sich bei vielen Patienten bewährt.

Ist die Entzündung abgeklungen, kommt die Bewegungstherapie?

Drechsel: Das ist mit der wichtigste Teil. Der Krankengymnast vermittelt die richtigen Übungen, arbeitet die Fehlhaltungen auf. So verursachen etwa hängende Schultern eine Enge unterm Schulterdach. Dieses Risiko besteht auch, wenn Muskeln fehlen und der Kopf dadurch nach oben rutscht. Diese Enge reizt und führt zu einem Impingement.

Aktives Training, am besten regelmäßig selbständig durchgeführt, sichert den Behandlungserfolg auf Dauer, hierzu haben wir die Möglichkeit individuelle auf die Erkrankung abgestimmte Trainingspläne zur Verfügung zu stellen.

Akutbehandlung mit Injektionen, ESWT, Umschläge und dann Bewegungstherapie sind also die wichtigsten Faktoren in der Behandlung der Kalkschulter. Wie erfolgreich ist das und wann ist trotzdem eine Operation nötig?

Drechsel: Erst wenn diese konservativen Maßnahmen nach drei bis sechs Monaten nicht richtig greifen, oder die Schmerzen nicht behandelbar sind, ist die Operation eine Option. Das ist allerdings sehr selten der Fall, vermutlich handelt es sich um etwas weniger als zehn Prozent der Patienten mit Problemen durch eine Kalkschulter.

Was passiert bei der Operation? Werden die Kalkdepots abgesaugt?

Drechsel: Der Eingriff erfolgt meist arthroskopisch, also mit Schlüssellochtechnik. So kann der entzündete Schleimbeutel entfernt, die Sehne beurteilt und der Kalkherd in den meisten Fällen problemlos entfernt werden.

In manchen Fällen ist aber ein offenes Vorgehen mit einem kleinen sogenannten „mini-open“-Zugang notwendig. Es ist übrigens nicht belegt, dass im Zusammenhang mit der Kalkschulter der minimalinvasive Eingriff ein besseres Ergebnis erzielt als die offene Operation.

Wie hoch ist die Erfolgsrate dieser Operationen bei der Kalkschulter?

Drechsel: Egal ob mit Operation oder ausschließlich konservativer Behandlung – beide sind erfolgreich, aber ebenso können auch Schmerzen zurückbleiben. Doch vor allem, wenn die Schmerzen sehr massiv waren und anderen Therapien wenig Erfolg zeigten, kann die Operation sofort Linderung bringen, weil Entzündung und Kalk ausgeräumt wurden.

Danach kommt es vermutlich auf den Patienten an, ob dieser Erfolg anhält oder es erneut zu schmerzhaften Kalkeinlagerungen kommt, oder?

Drechsel: Die Schulteroperation ist nur die Hälfte des Weges. Gute Physiotherapie und Eigenengagement des Patienten geben den Ausschlag, ob der Erfolg dauerhaft ist. Doch für alle, die schon mal orthopädische Probleme hatten, heißt es: weiterhin in Bewegung bleiben. Damit beugen Sie nicht nur der Kalkschulter vor oder verhindern, dass sich der Zustand wieder verschlechtert, sondern tägliche Bewegung ist auch unersetzlich bei einer ganzen Reihe von anderen Gesundheitsproblemen und zur Prävention.

Getreu nach dem Motto amerikanischer Wissenschaftler, sitzen habe eine ähnlich verheerende Wirkung wie Tabak inhalieren, sagen sie und beziehen sich auf Studien, die Menschen, die länger als sechs Stunden täglich sitzen, eine um 20 Prozent reduzierte Lebenserwartung bescheinigen…. oder einfach gesagt: Wer rastet, er rostet. Womit wir beim Thema der Arthrose, Osteoporose und weiteren orthopädischen Problemen wären.

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